Gemeinsam für die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender einstehen

3. April 2018

Ein Neuanfang in der Fremde ist immer schwierig. Für unbegleitete minderjährige Asylsuchende ist der Weg zur Integration aber noch beschwerlicher: Ihre unstete Lebenssituation, die Trennung von der Familie, die begrenzten Ausbildungsmöglichkeiten und die unsichere Zukunft behindern die Entwicklung  ihrer Persönlichkeit. Da die Jugendlichen aus ihrem familiären und kulturellen Umfeld gerissen werden, fehlt oft eine Bezugsperson, die sich ihrer annimmt. Allein im Jahr 2016 reisten fast 2000 Asylsuchende im Alter von 8 bis 16 Jahren ohne erwachsene Begleitung in die Schweiz ein.

«Bevor ich in der Schweiz ankam, bin ich mit dem Flugzeug, dem Auto und dem Schiff gereist, aber ich musste auch eine grosse Wegstrecke zu Fuss zurücklegen … Ich bin vom Iran aus über die Türkei bis nach Griechenland marschiert. Es dauerte zwei Jahre, bis ich in der Schweiz ankam. Ich hatte oft Angst, und manchmal wollte ich alles aufgeben, denn ich wusste nicht, ob ich eines Tages wirklich mein Ziel erreichen würde.» – Mathavan, 20 Jahre, verliess Sri Lanka mit 15, kam mit 17 in der Schweiz an.

Handbuch zur Betreuung unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender in der Schweiz

Der Internationale Sozialdienst Schweiz hat kürzlich eine kompakte Neuauflage des “Handbuch zur Betreuung unbegleiteter Minderjähriger in der Schweiz” veröffentlicht. Es handelt sich dabei um einen wertvollen Praxisleitfaden für Fachpersonen, der Mindeststandards für die Betreuung festlegt und auf die Frage der Zukunftsperspektiven der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden eingeht. Zudem wird in dem Handbuch dargelegt, wie eine kantonsübergreifende Zusammenarbeit die Betreuungsqualität steigern kann.

Unterkunft und individuelle Betreuung

Die Verantwortung liegt bei uns: Die Gesellschaft sollte den unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden Stabilität und Orientierung in dieser neuen Lebenslage bieten. So kann sich ihre Persönlichkeit auf gesunde Weise entfalten und die Jugendlichen können genügend Selbstvertrauen für den Übergang ins Erwachsenenalter aufbauen.
Dies setzt einiges voraus: eine Unterkunft, die den individuellen Bedürfnissen des Jugendlichen entspricht, eine Ausbildung, die Perspektiven bietet, eine persönliche Betreuung sowie eine umfassende Gesundheitsversorgung.

«Am meisten Vertrauen habe ich in meine Betreuerin im Wohnheim … sobald ich ein Problem habe, weiss ich, dass ich auf sie zählen kann. Ich habe jetzt mein erstes Lehrjahr als Koch abgeschlossen, und ich habe es geschafft! Dies gibt mir Vertrauen in die Zukunft.» – Mathavan

Gesundheitsversorgung

Dabei ist nicht etwa nur die rein physische Gesundheit der Minderjährigen zu berücksichtigen. Es geht insbesondere darum, die psychischen Belastungen, denen die Jugendlichen ausgesetzt sind, ernstzunehmen und psychologische Unterstützung zu bieten. Denn allzu oft werden Warnsignale einer psychischen Erkrankung – wie somatische Symptome oder soziale Isolation – aufgrund der anonymen Betreuung übersehen. Spezielle Aufmerksamkeit brauchen Jugendliche, die sich in einer besonders schwierigen Lebenslage befinden: Jugendliche Sans-Papiers, Opfer von Menschenhandel und diejenigen, die als Erwachsene identifiziert wurden, obwohl sie noch nicht volljährig sind. Wird hier keine psychische Hilfe geboten, können die Jugendlichen im schlimmsten Fall gar Suizid begehen.

Gesamtheitliche Betreuungsmodelle und juristische Unterstützung

Um dies zu verhindern, muss eine Zusammenarbeit auf allen Ebenen stattfinden: Offizielle Akteure wie der Bund, die Kantone und Gemeinden, aber auch informelle Akteure wie Sozialpartner, NGOs, religiöse und örtliche Vereine müssen sich am Integrationsprozess beteiligen. Denn dieser ist vielseitig und kann nur gelingen, wenn die bis anhin noch stark voneinander getrennten Betreuungsbereiche von Unterkunft, Gesundheitsversorgung und Ausbildung zu einem gesamtheitlichen Betreuungsmodell zusammengeführt werden. Auch die dringend erforderliche gesetzliche Rechtsvertretung durch Rechtsvertreter sowie ein Beistand mit psycho-sozialem Hintergrund für die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden sind in vielen Kantonen noch immer nicht gewährleistet.
Nur wenn wir gemeinsam eine individuelle Betreuung eines jeden Jugendlichen ermöglichen, kann ihre Integration gelingen.

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Der erste Kontakt mit der Justiz soll im Leben eines Kindes keine einschüchternde Erfahrung sein! Vielmehr muss das Kind als junger Mensch ernst genommen werden und seinem persönlichen Entwicklungsstand entsprechend respektiert und ins Verfahren einbezogen werden.

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Beat Flach, NR GLP
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Urs Lauffer

Verwaltungsratspräsident RAHN AG, Steinmaur